Der „Kieler Hof“ in Kiel – ein landwirtschaftliches Anwesen im städtischen Umfeld

Ein Bei­trag von Nils Han­sen in TOP 42

Heute erin­nern sich ver­mut­lich nur noch wenige Kie­le­rin­nen und Kie­ler an ihn, aber zumin­dest bis in die 1970er Jahre hin­ein war der Kie­ler Hof vie­len Ein­woh­nern der Stadt ein Begriff. Anfang des 17. Jahr­hun­derts gegrün­det, wurde die­ses Anwe­sen, ebenso wie der Hof Ham­mer im Süd­wes­ten Kiels, gele­gent­lich als „Stadt­gut“1 bezeich­net und lag in nord­west­li­cher Rich­tung eine knappe Stunde zu Fuß von der Alt­stadt ent­fernt. Der kür­zeste Weg dort­hin führte über die Vor­läu­fer der jet­zi­gen Hol­ten­auer und der Pro­jens­dor­fer Straße und dann auf Höhe des heu­ti­gen Hol­stein­sta­di­ons eine kurze Stre­cke nach Wes­ten den Müh­len­weg ent­lang. Im Jahr 1971 ver­schwand der Kie­ler Hof, als sein Gelände für den Bau der Stadt­au­to­bahn bzw. des Olof-Palme-Damms ein­ge­eb­net wurde.

Ursprung des Anwe­sens war die im Jahr 1607 vom Kie­ler Stadt­rat gegrün­dete soge­nannte Greber- oder Gre­ver­kate2, die zunächst nur eine kleine Land­stelle von angeb­lich acht Ton­nen, grob gesagt also reich­lich vier Hektar Wirt­schafts­flä­che umfasste.3 Sie war ver­mut­lich län­gere Zeit nur küm­mer­lich aus­ge­stat­tet, denn zum Teil ist in den frü­hen archi­va­li­schen Unter­la­gen etwas abschät­zig von „Gre­ver­hütte“ die Rede.4 Bewirt­schaf­tet wurde sie von einem Holz­vogt, der im Auf­trag der Stadt Kiel das zwi­schen den Dör­fern Wik und Kronsha­gen lie­gende aus­ge­dehnte Wald­ge­biet beauf­sich­ti­gen sollte. Der Vogt durfte sich dort ein Wohn­haus bauen sowie einige Pferde und Kühe hal­ten. Vor allem sollte er aber ein Auge dar­auf haben, dass sich die Bewoh­ner der benach­bar­ten Dör­fer nicht heim­lich an den Kie­ler Holz­be­stän­den bedien­ten.5

Die „Karte der Brunswik 1846“ zeigt die „Grewerkathe“ mit ihren Ländereien links oben an der Grenze zum Dorf Wik. Aus Max Leisner: Der Flecken Brunswik. In Jürgen Jensen (Hg.): Kieler Stadtteilgeschichte (= Reprints zur Kieler Stadtgeschichte, Bd. 3). Kiel 1985, S. 7.
Die „Karte der Brunswik 1846“ zeigt die „Gre­werka­the“ mit ihren Län­de­reien links oben an der Grenze zum Dorf Wik. Aus Max Leis­ner: Der Fle­cken Brunswik. In Jür­gen Jen­sen (Hg.): Kie­ler Stadt­teil­ge­schichte (= Reprints zur Kie­ler Stadt­ge­schichte, Bd. 3). Kiel 1985, S. 7.

Der Name „Gre­ber­kate“ lei­tete sich nach Ansicht des Leh­rers und Lokal­his­to­ri­kers Arthur Gloy (1867–1934) davon ab, dass der Holz­vogt „nach sei­ner Haupt­be­tä­ti­gung im Holze … gemei­nig­lich als der Grä­ber (de Grä­ver) bezeich­net“6 wurde. Auch wenn diese Inter­pre­ta­tion viel­leicht nicht ganz über­zeu­gend klingt, ist fest­zu­hal­ten, dass „Gre­ber­kate“7 bis Mitte des 19. Jahr­hun­derts die offi­zi­elle Bezeich­nung blieb. Im Jahr 1849 stellte dann der dama­lige Päch­ter Johann Feld­berg den Antrag, die Hof­stelle umzu­be­nen­nen. Sei­ner Mei­nung nach hat­ten Umfang und Wert „die­ser Besit­zung“ inzwi­schen so zuge­nom­men, dass sie „die Bezeich­nung Gre­ver­ka­the als unpas­send erschei­nen“8 lie­ßen. „Kate“ war für sein Emp­fin­den eine zu nega­tive Benen­nung, wes­halb er den Namen „Kie­ler­hof“ vor­schlug, bei dem es – spä­ter getrennt geschrie­ben – bis zum Abriss des Anwe­sens blieb.9

Schon seit län­ge­rer Zeit hatte sich der Hof, bei abneh­men­dem Wald­be­stand, immer mehr von einem forst- zu einem land­wirt­schaft­li­chen Betrieb ent­wi­ckelt, umfasste in den Jah­ren um 1840/50 mehr als 60 Hektar Land und war damit für dama­lige Ver­hält­nisse ein recht statt­li­cher Besitz. Vor­aus­ge­gan­gen war zudem im Jahr 1771 seine Umwand­lung in eine Erb­pacht­stelle, wäh­rend er bis dahin übli­cher­weise auf zehn Jahre ver­pach­tet wurde.10 Die mit der Über­tra­gung in Erb­pacht ver­bun­dene Kauf­summe betrug 2420 Reichs­ta­ler, zusätz­lich musste der Besit­zer ein jähr­li­ches Pacht­geld von rund 133 Reichs­ta­lern zah­len sowie jedes Jahr eine gewisse Menge Rog­gen, Hafer und Flachs an den Pas­tor wie auch an den Küs­ter der Nikolai-Kirche lie­fern.11 Dafür war er vom Mili­tär­dienst befreit, ebenso von Korn- und Fou­ra­ge­lie­fe­run­gen, Ein­quar­tie­run­gen und öffent­li­chen Wege­las­ten.12 Auch das Jagd­recht konnte er gegen eine kleine Gebühr erwer­ben, die an die Kie­ler Stadt­käm­me­rei zu zah­len war. Im Gegen­zug sicherte sich der Stadt­rat das Vor­kaufs­recht für das gesamte Anwe­sen.13

Mitte des 19. Jahr­hun­derts hatte der Kie­ler Hof anschei­nend seine größte Aus­deh­nung erreicht. Seine Wirt­schafts­flä­chen reich­ten im Nor­den und Osten bis knapp an den Steen­be­ker Weg und die heu­tige Pro­jens­dor­fer Straße, im Süden gehörte der größte Teil des spä­te­ren Nord­fried­ho­fes dazu und im Wes­ten das Gebiet fast bis zum Bre­mers­kamp. Wei­tere ein­zelne Land­stü­cke lagen etwa dort, wo sich heute der Universitäts-Campus am West­ring befin­det, andere Kop­peln grenz­ten an die heu­tige Hol­ten­auer Straße.14 Zu die­ser Zeit gehör­ten außer­dem ein Meie­rei­be­trieb15 und seit 1849 eine Brannt­wein­bren­ne­rei zum Hof. Auch eine Mühle „zum Schro­ten des für sei­nen Bren­ne­rei­be­trieb erfor­der­li­chen Kor­nes, event. zum Ver­mah­len frem­den Korns“ hätte Besit­zer Feld­berg gern gebaut, aber sein Antrag wurde vom König­li­chen Minis­te­rium für die Her­zog­tü­mer Hol­stein und Lau­en­burg abge­lehnt.16

Seit den 1870er Jah­ren erfolgte eine teil­weise Umstruk­tu­rie­rung. Der neue Besit­zer, Zim­mer­meis­ter Andreas Steen, ver­kaufte Grund­stü­cke an die Marine, die den Bau einer Schieß­bahn und eines Mari­ne­fried­hofs (heute Nord­fried­hof) plante17, wie auch an die Stadt Kiel, die Bau­grund benö­tigte18, so dass im Jahr 1883 noch 39 Hektar Land zum Kie­ler Hof gehör­ten.19 Die Meie­rei führte Steen fort, die Brannt­wein­bren­ne­rei aber offen­bar nicht. Statt­des­sen machte er ein Fuhr­un­ter­neh­men auf, mit dem er in den Jah­ren um 1900 nach eige­nen Anga­ben eine jähr­li­che Ein­nahme von etwa 6.000 Mark erzielte. Seine wich­tigste Erwerbs­quelle war aber auch zu die­ser Zeit noch die Land­wirt­schaft, die Jah­res­ein­nah­men von reich­lich 15.000 Mark erbrachte. Abzüg­lich sei­ner haupt­säch­li­chen Aus­ga­ben für Löhne, Land­pacht, Saat­korn und Fut­ter­stoffe blieb ihm ein Jah­res­ein­kom­men von rund 12.000 Mark20, womit er ohne Zwei­fel zu den ver­mö­gen­den Krei­sen in Kiel gehörte. Wei­ter­hin wurde Land ver­äu­ßert, zum Bei­spiel für den 1911 erfolg­ten Bau des Hol­stein­plat­zes und für die Anlage einer Klein­gar­ten­ko­lo­nie, bis die rest­li­chen Län­de­reien 1938/39 an die Stadt Kiel gin­gen. Das eigent­li­che Hof­ge­lände mit den Wohn- und Wirt­schafts­ge­bäu­den und dem Gar­ten behielt die Fami­lie Steen.21

Über die Lebens­ver­hält­nisse auf dem Kie­ler Hof berich­ten die hier ver­wen­de­ten Unter­la­gen lei­der nur wenig.22 Die frü­hes­ten Nach­rich­ten in die­ser Hin­sicht lie­fert ein Ver­trag vom 5. Novem­ber 1707, aus dem immer­hin her­vor­geht, dass der Päch­ter 12 Pferde, 24 Kühe, 20 Schafe, 2 Schweine, 8 Gänse und 10 Mast­schweine hal­ten durfte und außer­dem „jähr­lich ein[en] Baum Holtz zu sei­ner Feue­rung“ 23 bekom­men sollte. Dass in einem solch umfang­rei­chen Betrieb auch Knechte, Mägde und Tage­löh­ner beschäf­tigt wer­den muss­ten, liegt auf der Hand. Von Bediens­te­ten ist aber erst 1732 die Rede, als der Knecht Mat­thias Mar­tens von drei „Haus­leu­ten“ aus dem Dorf Wik bis zur Bewusst­lo­sig­keit ver­prü­gelt wurde, weil er ihnen ver­bie­ten wollte, ihre Pferde auf einer Kop­pel des Hofes zu wei­den, wäh­rend die Wiker mein­ten, ein Recht auf die Weide zu haben.24 Im letz­ten Drit­tel des 18. Jahr­hun­derts ist dann auch von Ins­ten die Rede, also von Arbei­tern, die auf dem Hof beschäf­tigt waren und jähr­lich acht Schil­linge Ver­bit­tels­geld, eine Art Steuer, an die Stadt Kiel zu zah­len hat­ten.25

Um das Jahr 1840, viel­leicht auch schon frü­her, stand außer dem Haupt­haus eine Kate für zwei Land­ar­bei­ter­fa­mi­lien zur Ver­fü­gung, und ins­ge­samt leb­ten zu die­ser Zeit 31 Per­so­nen auf dem Kie­ler Hof.26 Vier­zig Jahre spä­ter waren es noch 21, näm­lich zwölf Erwach­sene und neun Kin­der bzw. Jugend­li­che unter 22 Jah­ren, wovon allein fünf unter 14 Jah­ren mit ihren Eltern in der Kate wohn­ten.27 Bis zum Anfang des 20. Jahr­hun­derts schwankte die Zahl der Bewoh­ner zwi­schen 20 und 30 Per­so­nen, wozu immer zwei bis drei Mägde und ebenso viele Knechte gehör­ten, die die nach wie vor umfang­rei­chen land­wirt­schaft­li­chen Auf­ga­ben zu erle­di­gen hat­ten. Außer­dem leb­ten, abge­se­hen von der Fami­lie des Besit­zers Steen, der in den Akten nun als Abfuhr­un­ter­neh­mer bezeich­net wurde, wech­selnde Per­so­nen mit unter­schied­li­chen Beru­fen auf dem Hof: ein Schmie­de­ge­selle, der sicher­lich für das Abfuhr­un­ter­neh­men arbei­tete, die dort ein­ge­setz­ten Pferde beschlug und Wagen repa­rierte, ein Gärt­ner­ge­selle, ein Kuh­hirte, ein weib­li­cher „Koch­lehr­ling“28, meh­rere Arbei­ter, die nicht unbe­dingt auf dem Hof, son­dern zum Bei­spiel bei der „Schloß­braue­rei“ in Kiel ange­stellt waren, eine Nähe­rin, ein Zim­mer­mann, ein Ver­wal­ter.29 Ein­sam ist es auf dem Hof wohl nicht gewe­sen, dafür leb­ten dort zu viele Men­schen rela­tiv eng bei­ein­an­der. Dass er aber doch lange Zeit ein wenig abseits lag, zeigt ein Vor­fall aus dem Jahr 1865. Ein Pferd des dama­li­gen Päch­ters Cor­des war bei einer Kutsch­fahrt auf dem nicht weit vom Kie­ler Hof ent­fern­ten Kno­oper Weg in einen unge­si­cher­ten Drai­na­ge­gra­ben gestürzt. Die Schuld daran wurde dem „Drain­meis­ter“ gege­ben, der den Gra­ben nicht gesi­chert hatte, weil er sol­che Vor­sichts­maß­nah­men für über­flüs­sig hielt. Schließ­lich sei, so meinte er, „die frag­li­che Wegestre­cke tage­lang von kei­nem ein­zi­gen Wagen pas­sirt“ 30 wor­den. Viel Ver­kehr gab es im Umfeld des Kie­ler Hofes also offen­sicht­lich nicht.

Einige Nach­rich­ten lie­gen für die Bau­lich­kei­ten vor. Ins­ge­samt hat es min­des­tens vier zeit­lich auf­ein­an­der fol­gende Wohn­ge­bäude gege­ben. Das frü­heste in den vor­lie­gen­den Akten genannte Haus stand bis 1739, brannte dann ab und wurde umge­hend durch einen Neu­bau ersetzt.31 Die­ses Gebäude ließ der dama­lige Besit­zer im Jahr 1811 abbre­chen, um ein neues Wohn­haus zu errich­ten32, das 1902 durch Brand­stif­tung ver­lo­ren ging. Der nun fol­gende Bau ori­en­tierte sich sti­lis­tisch an den ost­hol­stei­ni­schen Her­ren­häu­sern, blieb aber in sei­nen Abmes­sun­gen beschei­de­ner und wurde, wie wei­ter oben schon gesagt, 1971 abge­ris­sen.

TOP 42 Aufsatz Hansen Wiederentdeckt! Kieler Hof Abb2Für das zweite und das dritte Gebäude lie­gen etwas aus­führ­li­chere Beschrei­bun­gen vor. Die­sen Unter­la­gen zufolge hatte das 1739 erbaute Haus Fach­werk­wände und ein Stroh­dach.33 Es war auf heu­tige Maß­ein­hei­ten umge­rech­net etwa 30 Meter lang und 15 Meter breit34, besaß eine nicht heiz­bare große Stube mit sie­ben Fens­tern, wand­fes­ten Sitz­bän­ken an allen vier Sei­ten­wän­den und einem Fuß­bo­den aus roten Zie­gel­stei­nen, eine zweite Stube mit einem Ofen aus schwar­zen Kacheln, außer­dem eine wei­tere Stube, über die nichts Genaue­res ver­merkt wurde, drei Kam­mern, zwei davon für das Gesinde, eine Diele, eine Speise- und Milch­kam­mer, einen klei­nen Kel­ler sowie einen Pferde- und Kuh­stall.35 Wei­tere Gebäude waren ein Back­haus und eine Scheune von etwa 15 Metern Länge. Außer­dem gehör­ten zwei Gär­ten zum Hof, wovon der eine anschei­nend ein Obst­gar­ten war, denn in ihm stan­den „26 Stück […] Frucht­bäume“36. In der „Desi­gna­tion von dem Gehöfte Grever-Kahte“ aus dem Jahr 1770 ist in Bezug auf das Wohn­haus zusätz­lich die Rede von einer Küche und einem gro­ßen „Speiß- und Tanz-Saal, in der 2ten Etage befind­lich“37, wobei nicht klar ist, ob diese Räum­lich­kei­ten schon im Jahr 1739 beim Bau des Hau­ses mit ent­stan­den oder erst spä­ter hin­zu­ka­men. Der Aus­bau der „2ten Etage“ war sicher etwas Beson­de­res, in sei­nen Grund­struk­tu­ren ist das Gebäude aber wohl ein nie­der­deut­sches Fach­hal­len­haus gewe­sen.

Der Nach­fol­ge­bau aus dem Jahr 1811 war nach einer Beschrei­bung von 184338 mas­siv gemau­ert und bot noch ein biss­chen mehr Platz als das vor­he­rige Haus. In ihm gab es einen Milch- und But­ter­kel­ler, im unte­ren Stock­werk eine Vor­diele, eine Wohn­stube, einen Gar­ten­saal, zwei Schlaf­kam­mern, eine Küche, zwei Spei­se­kam­mern und zwei Gesin­de­stu­ben sowie im obe­ren Stock­werk drei Stu­ben, zwei Schlaf­kam­mern und einen geräu­mi­gen Korn­bo­den. Der sepa­rate Rin­der­stall war ein Fach­werk­bau und bot Platz für 50 Kühe und rund 200 Fuder Heu oder Stroh, eine Scheune diente als Pfer­de­stall und Häck­sel­diele, eine zweite Scheune als Wagen­schup­pen und Korn­spei­cher. Beide Scheu­nen waren wie der Rin­der­stall in Fach­werk­bau­weise errich­tet. Ein Stall für Schweine und Feder­vieh, in dem auch die „Feue­rung“ und eine Käse­kam­mer unter­ge­bracht waren, ein zie­gel­ge­deck­tes Back­haus und die schon vor­her genannte Land­ar­bei­ter­kate kom­plet­tier­ten zu die­ser Zeit den Gebäu­de­be­stand.

Das Wohnhaus des Kieler Hofes kurz vor dem Abriss im Jahr 1971. Foto: Stadtarchiv Kiel, Sammlung Magnussen.
Das Wohn­haus des Kie­ler Hofes kurz vor dem Abriss im Jahr 1971. Foto: Stadt­ar­chiv Kiel, Samm­lung Magnus­sen.

Am 22.9.1902 fie­len das Wohn­haus und drei Wirt­schafts­ge­bäude einem Brand zum Opfer. Das Feuer wurde mor­gens um drei Uhr ent­deckt, „der Besit­zer, des­sen Schwes­ter, der Ver­wal­ter und die Mam­sell, wel­che im ers­ten Stock [des Wohn­hau­ses] schlie­fen, muß­ten nackend ins Freie flüch­ten“, und „man sandte sofort einen rei­ten­den Boten nach Kiel, um Klei­dungs­stü­cke beschaf­fen zu las­sen“.39 Große Sorge herrschte dar­über hin­aus um das weib­li­che Dienst­per­so­nal, das seine Schlaf­stel­len in einer der abge­brann­ten Scheu­nen hatte. Zum Glück stellte sich aber rasch her­aus, dass die Mägde nicht dort, son­dern beim Vieh auf der Weide beschäf­tigt gewe­sen waren.40 Dass das Feuer an drei ver­schie­de­nen Stel­len gleich­zei­tig aus­ge­bro­chen war, deu­tete auf Brand­stif­tung hin. Der Ver­dacht fiel auf zwei Knechte, die frü­her auf dem Kie­ler Hof gear­bei­tet hat­ten, bestä­tigte sich aber nicht. Die Frage, wer den Brand gelegt hatte, blieb offen.41

Über die Innen­räume des letz­ten, im Jahr 1902 errich­te­ten Wohn­ge­bäu­des kann lei­der nichts gesagt wer­den, weil die hier aus­ge­wer­te­ten Quel­len in die­ser Hin­sicht keine Infor­ma­tio­nen ent­hal­ten. Äußer­lich war es ein groß­zü­gi­ger, reprä­sen­ta­ti­ver Bau mit mas­siv gemau­er­ten Wän­den, einer har­ten Beda­chung und einem voll aus­ge­bau­ten Ober­ge­schoss. Auf der Schau­seite glie­der­ten sym­me­trisch ange­legte Fens­ter­rei­hen die Fas­sade, und die Ein­gangs­si­tua­tion wurde durch vier Säu­len betont, die einen dar­über lie­gen­den Bal­kon tru­gen. Die­sem reprä­sen­ta­ti­ven Äuße­ren des Gebäu­des haben die Räum­lich­kei­ten im Inne­ren des Hau­ses sicher ent­spro­chen.

Bestre­bun­gen, das Wohn­haus des Kie­ler Hofes zu erhal­ten, hat es anschei­nend nicht gege­ben. Mit Bedau­ern stell­ten die „Kie­ler Nach­rich­ten“ beim Abbruch des Gebäu­des 1971 fest, dass damit ein nicht unbe­deu­ten­des Zeug­nis alter Kie­ler Stadt­ge­schichte ver­lo­ren ging.42 Heute erin­nert nur noch ein Klein­gar­ten­ge­lände mit dem Namen „Kie­ler Hof“ an das ehe­ma­lige Anwe­sen.43


 

Nach­trag der Redak­tion am 03. Juli 2016
Peter Steen, Sohn des letz­ten Eigen­tü­mers des Kie­ler Hofes, wandte sich freund­li­cher­weise nach der digi­ta­len Ver­öf­fent­li­chung die­ses Arti­kels mit wei­te­ren Infor­ma­tio­nen zum Abbruch des Hofes an die GVSH:

„Mein Vater Hans Steen hat sich inten­siv – auch im Rah­men eines ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens – darum bemüht, den Hof zu erhal­ten, den Abriss der Gebäude und ins­be­son­dere auch das Fäl­len des alten Baum­be­stan­des abzu­wen­den. Um aber ein Ent­eig­nungs­ver­fah­ren zu ver­mei­den, hat er sich letzt­lich zum Ver­kauf ent­schlie­ßen müs­sen.”

 

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Fußnoten

  1. Siehe Paul Traut­mann: Kiels Rats­ver­fas­sung und Rats­wirt­schaft vom Beginn des 17. Jahr­hun­derts bis zum Beginn der Selbst­ver­wal­tung. Ein Bei­trag zur deut­schen Städ­te­ge­schichte (= Mit­tei­lun­gen der Gesell­schaft für Kie­ler Stadt­ge­schichte, 25/26). Kiel 1909, S. 375.
  2. Siehe Dr. A. Gloy: Die Ent­ste­hung des Kie­ler Hofes, der ehe­ma­li­gen „Gre­ber­ka­the“. In: Kie­ler Zei­tung, 1.1.1909. Die Schreib­weise ist nicht ein­heit­lich: Neben Greber- und Gre­ver­kate waren auch Grewer-, Gräber- und Gräwerkate gebräuch­lich.
  3. Siehe Dr. Gloy: Der Kie­ler­hof, die ehe­ma­lige Gre­ver­kate. In: Kie­ler Zei­tung, 27.11.1928. Zu den Flä­chen­ma­ßen siehe Klaus-Joachim Lorenzen-Schmidt: Klei­nes Lexi­kon alter schleswig-holsteinischer Gewichte, Maße und Wäh­rungs­ein­hei­ten. Neu­müns­ter 1990, S. 67 ff.
  4. Zum Bei­spiel in Stadt­ar­chiv Kiel, Nr. 10668: Akten des Magis­trats zu Kiel betr. die Ver­pach­tung der Gre­ver­ka­the (und der Schlach­ter­kop­pel), 1697–1762, Ver­trag vom 5.11.1707, und in Stadt­ar­chiv Kiel, Nr. 17763: Akten der 16 Män­ner betr. die Ver­pach­tung der Gre­ver­kate 1758, Schrei­ben an den Kie­ler Magis­trat vom 30.8.1758.
  5. Siehe Gloy, wie Anm. 2.
  6. Gloy, wie Anm. 3.
  7. Bezie­hungs­weise die ent­spre­chen­den Schreib­wei­sen.
  8. Stadt­ar­chiv Kiel, Nr. 7479: Betr. Umbe­nen­nung des Gehöfts Gre­ver­kate in Kie­ler­hof 1849.
  9. Gele­gent­lich war vom Kie­ler Hof sogar als „Hufe“ die Rede. Siehe Stadt­ar­chiv Kiel, Nr. 12022: Ablö­sung von Real­las­ten 1874–1884, Schrei­ben des Vor­stands der Kie­ler Kir­chen­ge­meinde an den Amts­ge­richts­rat Goldbeck-Loewe vom 5.3.1883.
  10. Siehe Traut­mann, wie Anm. 1.
  11. Siehe Gloy, Wie Anm. 2.
  12. Siehe Johan­nes von Schrö­der: Topo­gra­phie des Her­zog­t­h­ums Hol­stein, des Fürs­ten­th­ums Lübek und der freien und Hanse-Städte Ham­burg und Lübek, Ers­ter Theil. Olden­burg 1841, S. 228, Stich­wort: Gre­ver­ka­the.
  13. Siehe Gloy, wie Anm. 2.
  14. Unge­fähr zwi­schen Kleist- und Paul-Fuß-Straße. Siehe Stadt­ar­chiv Kiel, Nr. 7475: Betr. den nicht zustan­de­ge­kom­me­nen Ankauf der Grund­stü­cke Kie­ler­hof durch die Stadt 1901.
  15. Siehe: Stra­ßen­ver­kehr rollt über sie­ben Jahr­hun­derte der Stadt­ge­schichte. In: Kie­ler Nach­rich­ten, 16.12.1971.
  16. Stadt­ar­chiv Kiel, Nr. 7732: Betr. das Gesuch des Besit­zers von Kie­ler­hof um Ertei­lung einer Kon­zes­sion zur Erbau­ung einer Mühle 1854/55, Schrei­ben des Minis­te­ri­ums vom 10.4.1855.
  17. Stadt­ar­chiv Kiel, Nr. 9490: Gre­ver­kate (Kie­ler Hof), Vorkauf­recht, 1785–1901.
  18. Stadt­ar­chiv Kiel, Nr. 7475, wie Anm. 14.
  19. Stadt­ar­chiv Kiel, Nr. 7476: Akten des Magis­trats betr. die Ablö­sung der auf den Erb­pacht­hö­fen Ham­mer und Kie­ler­hof ruhen­den Real­las­ten, 1880–1884, Pro­to­koll der Ver­hand­lung der Kie­ler Stadt­ge­meinde mit dem Besit­zer des Hofes Kie­ler Hof Andreas Fried­rich Hin­rich Steen wegen Reallasten-Ablösung vom 5.6.1883.
  20. Stadt­ar­chiv Kiel, Nr. 7475, wie Anm. 14, Schrei­ben von A. Steen an den Kie­ler Magis­trat vom 6.10.1901.
  21. Siehe: Ärger mit dem „Kie­ler Hof“. In: Volks­zei­tung, 17.8.1959, und: Stra­ßen­ver­kehr …, wie Anm. 15.
  22. Am 16.12.1971 berich­te­ten die Kie­ler Nach­rich­ten in dem Arti­kel „Stra­ßen­ver­kehr …“, wie Anm. 15, dass die Fami­lie Steen zu die­ser Zeit noch einen Brief­wech­sel zwi­schen Andreas Steen und sei­nem Onkel besaß, „in dem in allen Ein­zel­hei­ten Bau, Beschaf­fen­heit, Bewirt­schaf­tung und Leben der Fami­lie auf ‚Kie­ler­hof‘ beschrie­ben wird …“. Lei­der ist über den Ver­bleib die­ses sicher­lich auf­schluss­rei­chen Brief­wech­sels nichts Genaue­res bekannt.
  23. Stadt­ar­chiv Kiel, Nr. 10668, wie Anm. 4.
  24. Stadt­ar­chiv Kiel, Nr. 4328: Betr. die von d. Cronshagener-Amts-Untertanen wider­recht­li­che vor­ge­nom­mene Mit­be­nut­zung d. K. Stadt­weide u. ihre gegen Knecht Mar­tens auf der Gre­ver­ka­the vor­ge­nom­mene Kör­per­ver­let­zung 1715–1732, Anzeige vom 30.4.1732.
  25. Siehe Gloy, wie Anm. 2.
  26. Siehe Schrö­der, wie Anm. 12.
  27. Stadt­ar­chiv Kiel, Nr. 6360: Volks­zäh­lung am 1.12.1880.
  28. Stadt­ar­chiv Kiel, Nr. P 48a. 117: Per­so­nen­ver­zeich­nis der Stadt Kiel 1896/97.
  29. Siehe die Per­so­nen­ver­zeich­nisse der Stadt Kiel 1896/97–1900 in: Stadt­ar­chiv Kiel, Nr. P 48a. 117, P 48a. 130, P 48a. 143, P 48a. 156, P 48a. 170.
  30. Stadt­ar­chiv Kiel, Nr. 19047: Anspruch des Besit­zers Cor­des vom Kie­ler Hof für ein durch Fahr­läs­sig­keit der Stadt zu Scha­den gekom­me­nes Pferd, 1865, Bericht der Bau­com­mis­sion an die städ­ti­schen Col­le­gien vom 6.1.1865.
  31. Siehe Stadt­ar­chiv Kiel, Nr. 10668, wie Anm. 4, Schrei­ben vom 4.4.1758. Dass der Neu­bau noch 1739 ent­stand, geht her­vor aus Stadt­ar­chiv Kiel, Nr. 4342: Akten des Magis­trats zu Kiel betr. die Ver­erb­pach­tung der Gehöfte Ham­mer und Gre­ver­ka­the, 1767–1771, Desi­gna­tion von dem Gehöfte Grever-Kahte und des­sen Per­ti­nen­tien …, 1770.
  32. Siehe Stra­ßen­ver­kehr …, wie Anm. 15.
  33. Siehe Stadt­ar­chiv Kiel, Nr. 10668, wie Anm. 4, Inven­tar vom 2.5.1759.
  34. Siehe Stadt­ar­chiv Kiel, Nr. 4342, wie Anm. 31, Desi­gna­tion …. Hier sind 90 Fuß Länge und 45 Fuß Breite ange­ge­ben. Zur Umrech­nung siehe Lorenzen-Schmidt, wie Anm. 3, S. 23 ff.
  35. Siehe Stadt­ar­chiv Kiel, Nr. 10668, wie Anm. 4, Inven­tar vom 2.5.1759.
  36. Wie Anm. 35.
  37. Stadt­ar­chiv Kiel, Nr. 4342, wie Anm. 31.
  38. Siehe Stadt­ar­chiv Kiel, Nr. 15966: Ver­las­sungs­ak­ten Gre­ver­ka­the (Kie­ler Hof), 1785–1857.
  39. Kie­ler Zei­tung, 22.9.1902, Lokal­nach­rich­ten.
  40. Siehe Kie­ler Zei­tung, 27.9.1902.
  41. Siehe Kie­ler Zei­tung, 22.9.1902 und 25.9.1902, jeweils Lokal­nach­rich­ten.
  42. Siehe: Der „Kie­ler Hof“ muss wei­chen. In: Kie­ler Nach­rich­ten, 20.3.1971 und Stra­ßen­ver­kehr …, wie Anm. 15.
  43. Den Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­tern des Stadt­ar­chivs Kiel danke ich viel­mals für ihre Unter­stüt­zung bei der Recher­che.

Ein Gedanke zu “Der „Kieler Hof“ in Kiel – ein landwirtschaftliches Anwesen im städtischen Umfeld

  1. Peter Steen

    Ein sehr infor­ma­ti­ver Bei­trag. Der letzte Absatz bedarf aber einer Kor­rek­tur:
    Mein Vater Hans Steen hat sich inten­siv – auch im Rah­men eines ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens – darum bemüht, den Hof zu erhal­ten, den Abriss der Gebäude und ins­be­son­dere auch das Fäl­len des alten Baum­be­stan­des abzu­wen­den. Um aber ein Ent­eig­nungs­ver­fah­ren zu ver­mei­den, hat er sich letzt­lich zum Ver­kauf ent­schlie­ßen müs­sen.

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